Sechs Regeln für Zivilcourage

Tuğçe A. rettete zwei Frauen das Leben und bezahlte dafür mit ihrem eigenen. Sie bewies Zivilcourage – und wurde dafür bestraft. Der Fall beschäftigt viele Menschen, denn unweigerlich stellt man Fragen an sich selbst. Hätte ich auch so gehandelt? Wäre ich so mutig gewesen? Oder hätte ich weggeschaut? Es bleiben Fragen im Konjunktiv und doch müssten die Antworten klar sein.

Molière

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.

Trotzdem bleiben Zweifel. Gerade nach Tuğçes Fall. Was, wenn man am Ende selbst zum Opfer wird? Wegschauen ist aber keine Lösung. Damit man in Notsituationen richtig handelt, Zivilcourage beweist, aber trotzdem nicht selbst zum Opfer wird, hat die Initiative „Tu was! Zeig Zivilcourage!“ sechs wichtige Regeln formuliert, die wir euch wärmstens ans Herz legen.

1. Ich beobachte genau:

Der erste wichtige Schritt ist es, überhaupt erst einmal hinzusehen. Notsituationen erkenn wir nur, wenn wir mit offenen Augen unsere Umgebung beobachten und bei zweifelhaften Situationen Details wahrnehmen, um die Situationen richtig einschätzen zu können.

„ Ein Mann hält ein Kind am Arm gepackt und zieht das Kind hinter sich her. Was genau sehe ich? Einen Mann, der ein Kind entführt, oder einen Vater, dessen Kind widerspenstig ist?“

Erst wenn man sich über die Situation im Klaren ist, kann man entsprechend handeln. Beobachten und Hinhören hilft! Der erste Schritt ist nun, sich so viele Details wie möglich einzuprägen, um später zum Tatablauf aussagen zu können und der Polizei wichtige Hinweise zu Ermittlung geben zu können.

2. Ich hole Hilfe

Wenn man erkennt, dass Hilfe von Seiten der Polizei oder dem Rettungsdienst benötigt wird, sollte man diese sofort verständigen, denn es dauert meist eine Weile, bis diese eintreffen. Hilfe holen kann aber auch bedeuten, den Kellner auf das Problem aufmerksam zu machen oder den Busfahrer anzusprechen.

3. Ich halte Abstand

Um sich nicht in Gefahr zu bringen, sollte man Abstand halten. Die körperliche Einmischung sollte immer die allerletzte Möglichkeit sein, um einem Opfer Hilfe zu leisten. Aus sicherer Entfernung kann man mit dem Opfer sprechen und herausfinden, ob es tatsächlich Hilfe braucht und ankündigen, dass man die Polizei benachrichtigt hat.

Wenn eine Situation direktes Eingreifen trotzdem erforderlich macht, sollten Mitstreiter gesucht werden.

4. Ich suche Mitstreiter

Je mehr Mitstreiter sich versammeln, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Eskalation ausbleibt. In vielen Fällen gibt es auch Menschen, die bereit sind, etwas zu tun. Viel zu oft denken sogenannte „Bystander“ schlicht „Warum tun die anderen nichts?“. Ergreife also du die Initiative und „wecke“ die passiven Beobachter auf und fordere von ihnen konkret Hilfe. Gemeinsam könnt ihr die Situation viel leichter lösen.

5. Ich kümmere mich um die Opfer

Das Opfer hat immer Priorität. Darum sollte man sich zu allererst um das Opfer kümmern. Auch, wenn dem Täter dadurch erst einmal die Flucht gelingt. Leiste Erste Hilfe, wenn es die Situation erfordert und suche dir auch Hilfe bei anderen Passanten.

Nicht selten sind Opfer traumatisiert und in einem Schockzustand, sodass sie wegen der erhöhten Adrenalinausschüttungen zuerst gar keine körperlichen Verletzungen wahrnehmen. Darum sollte man darauf bestehen, auf den Krankenwagen zu warten und beim Opfer bleiben.

6. Ich bin Zeuge

Wenn du die Tat beobachtet, die Polizei und den Rettungsdienst gerufen und mit anderen Mitstreitern die Situation gelöst hast, ist es jetzt an der Zeit, weitere Verantwortung zu übernehmen und eine Aussage bei der Polizei zu machen. Nur, wenn du aussagst, lernt ein Täter, dass er für seine Tat zur Verantwortung gezogen wird!

Tu etwas für ein Leben in einer freiheitlichen Gesellschaft ohne Angst vor Gewalt! Zeige Zivilcourage!

Website der Initiative: „Tu was! Zeig Zivilcourage!“

Credits: Titelbild: „Hilfe 223/365“ von Dennis Skley lizensiert nach CC BY 2.0 ; Bilder von Tu was! Zeig Zivilcourage!

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