Mulesing – das Leiden der Merinoschafe

Merinoschafe

In der kalten Jahreszeit, freuen wir uns über kuschelig warme Wollpullover und flauschige Schals. Woher die Wolle kommt und was die Schafe dabei durchmachen, wissen wohl nur die Wenigsten. Bei Merinoschafen kommt es häufig zu Fliegenbefall, deshalb wird das Verfahren des Mulesing angewandt um das Risiko eines Befalls zu senken.

Was ist das Besondere eines Merinoschafes und welche Vor- und Nachteile bringt die Merinowolle mit sich?

Das Merinoschaf ist eine Feinwoll-Schafrasse, dessen Ursprung in Nordafrika liegt. Im Hochmittelalter kam es nach Spanien und dort entdeckte man erstmals die guten Eigenschaften der Merinowolle. Durch die Einfuhr der Schafe von europäischen Siedlern, leben heute rund 120 Millionen Schafe in Australien, die meisten davon sind Merinoschafe. Etwa 40% unserer Wolle ist Merinowolle und diese kommt fast zu 100% aus Australien. Damit ist Australien der weltweit größte Wollproduzent.

Hand streichelt Merinowolle

Merinowolle ist durch seine vielen guten Eigenschaften besonders in der Textilindustrie beliebt. Synthetische Materialien können nur sehr schwer mithalten. Die luftige Kräuselung bildet ein natürliches Luftpolster, dieses isoliert den Körper und sorgt für eine Feuchtigkeitsregulation. Im Sommer bleibt es kühl und im Winter schön warm. Zudem bietet die Wollstruktur für Bakterien eine sehr schlechte Angriffsfläche, damit ist sie sehr geruchsneutral und durch enthaltenes Keratin hat die Wolle eine selbstreinigende Funktion. Keratin baut geruchsbildende Bakterien selbst ab. Die feine Struktur ist dafür verantwortlich, dass die Wolle nicht kratzt und jede Körperbewegung mühelos mitmacht. Außerdem kann Merinowolle ca. 35% ihres Eigengewichts an Wasser aufnehmen, ohne dass sie sich nass oder klamm anfühlt.

Eigenschaften der Merinwolle

  • isoliert sehr gut (sowohl im Winter, als auch im Sommer)
  • geruchsneutral (durch bakterienresistente Struktur)
  • atmungsaktiv (Feuchtigkeits- und Temperaturregulierung)
  • antistatisch
  • kratzt nicht (durch extrem dünne Faserstärke)
  • elastisch (knittert kaum)

Ist die Wolle jedoch einmal komplett nass, ist sie sehr schwer und auch das trocknen dauert entsprechend lange. Zudem benötigt Merinowolle eine spezielle Pflege, da sie bei einem normalen Waschgang in der Waschmaschine verfilzen würde. Die feine Naturfaser ist ein sehr leichtes Material, aber auch anfällig gegenüber spitzen und scharfkantigen Dingen, wie Ästen, Gürtelschnallen oder Reißverschlüssen. Mit den Merinowoll-Produkten muss deshalb besonders sorgsam umgegangen werden.

Was ist mulesing?

Mulesing

Verfahren zur Risikosenkung des Fliegenbefall bei Schafen, in den 30er Jahren von John H. Mules entdeckt

Aussprache: ˈmjuːlzɪŋ

Mulesing, im deutschen auch Mulesierung genannt, ist ein Verfahren das größtenteils bei Merinoschafen angewandt wird. Hierbei wird jungen Lämmern im Bereich des Schwanzes ein Stück Haut mit einem speziellen, sehr scharfen Messer entfernt. Dadurch bildet sich eine glatte, wolllose Narbenfläche auf der Fliegen keinen Nistplatz für ihre Eier finden. Soweit so gut. Das große Problem ist, dass Mulesing ohne Schmerz- und Betäubungsmittel erfolgt. Auf eine Nachbehandlung wird meist auch verzichtet, die Wunden können sich dadurch schnell entzünden und bilden einen guten Nistplatz für die Fliege. Diese legen auch in offene Wunden gern ihre Eier ab, so können Schafe trotz Mulesing unter Fliegenbefall leiden.

Das Verfahren des Mulesing wurde von dem englischen Schafzüchter John H. Mules zufällig entdeckt, als er beim Scheren seiner Schafe versehentlich ein Stück Haut am Schwanzbereich entfernte und das Schaf daraufhin nicht mehr am Fliegenbefall litt. Er teste dies an Weiteren und stellte fest, dass durch die Entfernung der Hautfalten am Schwanzberreich, das Risiko eines Fliegenbefalls deutlich gesenkt wird.

Merinoschaf mit Lamm

Wieso wird Mulesing vor allem bei Merinoschafen angewandt?

Wie bei vielen anderen Produkten, steigt die Nachfrage auch bei Merinowolle rasant an. Die Merinoschafe sind deshalb speziell darauf gezüchtet, eine extrem faltige Haut zu haben, um möglichst viel Wolle zu produzieren. Das bringt große Probleme mit sich, denn unter den Hautfalten sammelt sich Feuchtigkeit und besonders im Afterbereich zusätzlich auch Kot und Urin. Das zieht die, in Australien weit verbreitete, Schaf-Schmeißfliege (Lucilia cuprina) an. Sie fühlt sich in dem feuchtwarmen Klima der Hautfalten wohl und legt dort ihre Eier ab. Sind die Fliegenmaden geschlüpft, fressen sie sich in Haut und Unterhaut und verursachen schwere Infektionen, die für die Schafe meist den Tod bedeuten.

Welche Alternativen gibt es zu Mulesing?

Die Forschung ist mittlerweile weit fortgeschritten und es wird versucht immer wieder neue und wirkungsvolle Alternativen zu Mulesing zu entwickeln. Eine wirklich gut funktionierende und wirtschaftliche sinnvolle Alternative gibt es bisher nicht. Trotzdem sollte man Alternativen nutzen, um dem Schaf dieses grausame Verfahren zu ersparen.

Beim sogenannten “Clip-Mulesing” wird die Haut in einen sehr engen Clip eingeklemmt, die Haut stirbt nach wenigen Tagen ab und fällt ab. Dieses Verfahren wurde jedoch von Tierschutzexperten als schmerzhaft und inhuman bezeichnet. Desweiteren gilt die gezielte Zucht auf lange Sicht als die beste Alternative für die Schafe. Dabei werden sie speziell gezüchtet, dass sich Wollwachstum und Faltenbildung im Afterbereich verringert. Es wird auch daran geforscht eine Resistenz gegen den Befall zu entwickeln. Weitere Alternativen sind sichere Insektizide und Impfungen um einen Befall zu vermeiden oder Resistenzen gegenüber den Fliegen zu erzeugen. Außerdem die Fliegen biologisch zu bekämpfen, bevor sie überhaupt zu den Schafen gelangen.

Möchte man komplett auf Wolle verzichten, gibt es viele sehr gute Woll-Alternativen. Unter anderem Tencel, Bio-Baumwolle, Hanf, Bambus oder Leinen. Achtet man auch hier auf Bio-Zertifizierungen werden Tier und Umwelt geschützt.

Verbote & Boykotte

In Deutschland gilt ein generelles Verbot von Mulesing, auch Neuseeland hat seit dem 1.Oktober 2018 ein Verbot eingeführt. In Australien gilt nur ein freiwilliges Verbot, bei dem jeder Schafzüchter selbst entscheiden kann ob seine Schafe gemulest werden oder nicht. Um ein generelles Verbot auch in Australien einzuführen, braucht es gute und sinnvolle Alternativen. Ein Verbot einzuführen ohne eine Alternative, bringt den Schafen nicht weniger Schmerzen, da sie dem Befall der Fliegen trotzdem ausgesetzt sind.

Viele große Modeketten, darunter H&M, Hugo Boss und adidas distanzieren sich von “Mulesing-Wolle”. Jedoch stellt sich mir die Frage, wie so viele und großen Ketten, dies kontrollieren können. Da Australien der weltweit größte Wollexporteur ist, dort aber nicht garantiert werden kann, ob Wolle wirklich mulesing-frei ist oder nicht.

Merinoschaf in weiter Landschaft

Was können wir tun?

Es gibt viele verschieden Ansichten und Stimmen zu diesem Thema. Heiße Diskussionen zwischen Tierschutzverbänden wie Peta, die sich für Verbote und Bestrafung der Schafzüchter stark machen und Schafzüchter, die behaupten es gäbe keine wirkungsvollen Alternativen. Es ist schwierig sich aus den vielen einseitigen Beiträgen im Netz eine eigene Meinung zu bilden. Trotzdem darf die Tatsache nicht vergessen werden, dass viele Tiere dafür leiden müssen damit wir kuschlig, warme Pullover tragen können.

Daher ist es ein guter Anfang auf mulesingfreie Wolle und Produkte zu achten. In einigen Ländern der Welt existieren diese Fliegen gar nicht, dort kann zu 100% mulesingfreie Wolle garantiert werden. Unter anderem Länder wie Uruguay oder Patagonien in Südamerika, Spanien und Portugal in Europa und Südafrika. Ein eigenes, offizielles mulesing-free Label gibt es bisher jedoch nicht, Labels wie GOTS oder IVN, sowie die kbT-Zertifizierung geben aber Sicherheit auf eine artgerechte Tierhaltung.

KbT (kontrolliert biologische Tierhaltung) bedeutet, dass Tiere artgerecht gehalten werden, kein gentechnisch verändertes Futter eingesetzt wird und die Fortpflanzung auf natürliche Art und Weise erfolgt. Chirurgische Eingriffe, wie Mulesing und Kupieren sind verboten. Ein Produkt muss mindestens 95% Bio-Fasern enthalten, damit es kbT-zertifiziert ist.

Beim GOTS Label (Global Organic Textile Standard) werden die Standards nach den IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) Normen für den Anbau und die Tierhaltung festgelegt. Seit dem 1. Januar 2016 ist eine mulesingfreie Tierhaltung Pflicht um das GOTS Label weiter zu behalten oder zu bekommen. GOTS garantiert mindestens 70% kbT-zertifizierte Fasern.

Für das Label “Naturtextil – IVN zertifiziert” gilt: Alle Fasern müssen zu 100% aus kbT stammen, sind also garantiert mulesingfrei.

Bist du dir trotzdem unsicher, frage einfach gezielt im Laden oder direkt beim Hersteller nach, ob die Wolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung kommt. Wenn du ein Wollprodukt unbedingt möchtest, es aber weder bei uns im Shop noch bei anderen Öko-Herstellern finden kannst, dann nutze Second-Hand Wollprodukte. Diese sind möglicherweise nicht mulesingfrei, aber es musste kein „neues“ Schaf dafür leiden. Zudem werden Ressourcen geschont und es ist nachhaltig für Mensch und Umwelt.

Habt ihr Fragen zu dem Thema oder möchtet uns eure Meinung mitteilen? Wir freuen uns auf eure Kommentare.

 

Foto-Credits: © 169169 / Adobe Stock, © kiravolkov / Adobe Stock, © Mihály Samu / Adobe Stock, © Patrik Stedrak / Adobe Stock

 

Written By
More from Katrin

Nachhaltige Weihnachten

An Weihnachten wird viel gegessen, viel gekauft und viel weggeschmissen. So manch...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.