Fashion on Climate – Die Rolle der Modeindustrie im 1,5-Grad-Wettlauf

“Pariser Klimaabkommen”; “Pariser Klimaziele Länder”. Das Suchvolumen in Suchmaschinen zu diesen Begriffen ist immens. Es wird heiß diskutiert und debattiert über diese Klimaabkommen – länderspezifische Berichte vergleichen und bewerten das Verfehlen der Klimaziele in den nationalen Politiken. Im Klimaschutz-Index 2021 bleiben erneut die ersten drei Plätze in der Liste unbesetzt. Die Aussage: Kein Land engagiert sich genug für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels. Die Folge: Strafzahlungen, Sanktionen, viel Presse. Wo viel Scheinwerferlicht ist, da ist jedoch auch Schatten. Und so gelingt es der Modeindustrie leise an den Klimazielen vorbei zu schleichen und keiner bekommt es mit.

Die Modeindustrie ist verantwortlich für einen jährlichen Treibhausgas-Ausstoß, der so groß ist wie jener der französischen, deutschen, britischen und nordirischen Wirtschaft zusammen! Das führt der “Fashion on Climate” Report 2020 von McKinsey & Company und Global Fashion Agenda an. Ins Verhältnis gesetzt bedeutet das auch 4% des gesamten globalen Emissions-Ausstoß, wofür die Mode- und Schuhindustrie im Jahr 2018 verantwortlich war. Das umfassen, in Zahlen gesprochen, 2,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente. Um die Klimaerwärmung einzudämmen und das festgelegte 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, muss die Modeindustrie ihre Emissionen um die Hälfte reduzieren, und das bis zum Jahr 2030. Die Studie von McKinsey & Company und Global Fashion Agenda zeigt mittels verschiedener Rechnungen und Zukunftsprognosen auf, was passiert, wenn nicht reagiert wird. Doch auch Grund zur Hoffnung gibt es: Der Bericht führt zudem drei zentrale Lösungsstrategien auf, wie der Wandel rechtzeitig geschafft werden kann.

Drei Szenarien – Welches wird die Zukunft sein?

Der derzeitige Ausstoß der Modeindustrie liegt bei circa 2,1 Milliarden Tonnen CO2- Äquivalenten. Jedoch verzeichnet das branchenspezifische Emissionslevel eine Wachstumsrate von 2,7% pro Jahr, womit 2030 ein CO2-Ausstoß von 2,7 Milliarden Tonnen zu erwarten ist, sofern nicht gehandelt wird. Die 2,7 Milliarden Tonnen wären zudem mehr als das Doppelte(!) des eigentlich benötigten Ziels von etwa 1,1 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen, die maximal verbraucht werden dürfen, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Um die Klimaerwärmung zu bremsen, bedarf es also an konsequenter und entschlossener Reduzierung der Treibhausgase von Seiten der Modebranche und all ihren einflussreichen Moderiesen sowie Zulieferern. Wie das zu schaffen ist? McKinsey & Company’s Seniorpartner Karl-Hendrik Magnus ist überzeugt, dass viele der nötigen Maßnahmen wirtschaftlich vorteilhaft umzusetzen seien.

Potentiale erkennen und handeln – drei Aktionsfelder entlang der Wertschöpfungskette

Spätestens die Pandemie hat gezeigt, wie vernetzt die Welt doch tatsächlich ist und welche Handlungspotentiale letztendlich in diesen Verbindungen stecken. Für Akteur*innen der Modewelt gilt das genauso, denn die Wertschöpfungskette ist lang und es gibt viele Stellschrauben, an denen etwas geändert werden muss. Wird die Chance ergriffen, könnte die Branche so sogar eine führende Rolle in der Bekämpfung des Klimawandels einnehmen, so Global Fashion Agendas CEO Eva Kruse. Der Fashion on Climate Report identifiziert dazu drei zentrale Aktionsfelder, die bedient werden müssen, um das übergeordnete Ziel gemeinsam zu erreichen.

1. Verringerung innerhalb der Arbeitsvorgängen

Das meiste Potential in der Verringerung von CO2-Emissionen liegt mit 61% in der Anpassung in Produktionsprozessen wie in der Materialherstellung und -verarbeitung. Dazu zählt zum Beispiel eine verbesserte Energieeffizienz aufgrund von technologischen Neuerungen oder auch eine mindestens 40%-ige Reduzierung des Einsatzes von Düngemitteln im Baumwollanbau. Denn der Einsatz von Pestiziden ist verantwortlich für hohe stickstoffgebundene Treibhausgas-Emissionen, die jedoch schon in der richtigen Anbauweisen gespart werden könnten. Auch die Minimierung von Produktions- und Herstellungsabfällen im Übergang von Faser zum Stoff bzw. vom Stoff zu Kleidung könnten 24 Millionen Tonnen Treibhausgase einsparen. Dies ist in modernen Fabriken bereits dank verbesserter Schneidetechniken und Designs möglich. Darüber hinaus ist der dringende Wechsel von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien nicht zu missachten. In der Analyse des Reports wird von einem 100%-igen Wechsel ausgegangen, ohne den eine solch erfolgreiche Emissions-Einsparung nicht möglich ist. Gesteigerte Energieeffizienz kann zudem in den Bereichen Heizung, Lüftung, Klimageräten sowie im Einsatz moderner Nähmaschinen erreicht werden. Aufsummiert könnte das eine Verringerung von 1 Milliarde Tonnen CO2-Äquivalente erzielen. Dies ist jedoch nur mit der Unterstützung von Unternehmen und Händlern möglich, so der Climate on Fashion Report. 

2. Verringerung in den Unternehmen selbst

Weitere 18% Potential zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels liegen in den Händen der Unternehmen und Labels selbst. Darunter zählt vor allen Dingen die Weiterentwicklung der bisherigen verwendeten Materialien. Ein veränderter Materialmix, wie zum Beispiel Recyclingfasern, oder die vermehrte Verwendung von Bio-Baumwolle stellen gute Möglichkeiten für nachhaltige Varianten dar. Dazu muss jedoch auch die Akzeptanz derer unter Verbraucher*innen wachsen, um die Nutzung für Firmen attraktiver zu gestalten. Jährliche 41 Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen sind von diesem Wechsel abhängig. Doch auch nachhaltige Transportmittel, recycelte oder alternative Verpackungsmaterialien sowie Anpassungen im Einzelhandel (wie z.B. Energieeffizienz in Läden) sind Stellschrauben, die hier mitwirken. Ein großer Faktor in den Unternehmen selbst stellt des Weiteren die massive Überproduktion und Massenvernichtungen von Kleidungsrückgaben dar. Unternehmen und Labels stehen in der Verantwortung neue Konzepte zu entwickeln, wie beispielsweise verbesserte Nachfrageanalysen stattfinden können und/oder wie die Designs saisonübergreifend angeboten werden können. Alles in allem würden somit ca. 308 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente bis 2030 jährlich eingespart werden.

3. Veränderung im Verbraucher*innen-Verhalten

Es ist wie so oft die Frage, wieviel den Konsument*innen zuzumuten ist. Der Fashion on Climate Report beziffert diese Verantwortung mit ganzen 21% der benötigten Emissions-Einsparungen, in Zahlen sind das 347 Millionen Tonnen bis 2030. Dazu müssen Kleidungsstücke bedacht und nachhaltig gekauft werden sowie deutlich länger getragen werden. Durchschnittlich besitzt beispielsweise jede*r Deutsche 95 Kleidungsstücke, die nie bis selten zum Einsatz kommen. Auch reduziertes Waschen und vermehrtes Freilufttrocknen kann bis zu 186 Millionen Tonnen Emissionen einsparen. Im Zusammenspiel mit alternativen zirkulären Geschäftsmodellen würde ein nachhaltiger und bewusster Konsum von Seiten der Verbraucher*innen große Erfolge in der CO2-Bilanz erzielen. “Bis 2030 sollten wir in einer Welt leben, in der jedes fünfte Kleidungsstück aus einem zirkulären Geschäftsmodell stammt”, so der Report. Auch wenn in den Veränderungen des Verbraucher*innen-Verhaltens viel Potential liegt, kann nicht erwartet werden, dass auch jede*r Mensch Zugang zu nachhaltigem Konsum haben kann. Doch allein schon die reine Bewusstseinsschaffung ist für den Wandel in Richtung klimafreundlicher Modekonsum enorm von Bedeutung. 

Welche Anreize gibt es – außer vielleicht die Welt zu retten?

Nach einer Reihe von Aufrechnungen von CO2-Einsparungen stellt sich natürlich die Frage, welche Unternehmen diese Möglichkeiten tatsächlich wahrnehmen und bereit sind, ihre Emissionen (auch vorerst ohne gesetzliche Regelungen) zu senken. Wer es nicht weiß, McKinsey & Company ist eine Unternehmens- und Strategieberatung. Es wurde also durchaus bedacht und analysiert, inwiefern für den Klimaschutz auch die Wirtschaftlichkeit betrachtend argumentiert werden kann. Die Ergebnisse: etwa 55% der benötigten Maßnahmen würden auf industrieweiter Basis die Nettokosten senken. Dabei könne man mit Kosten von circa 50 US-Dollar pro Tonne CO2-Äquivalente rechnen, zu mindestens in 90% der Fälle. Die anderen Schritte benötigen Anreize wie etwa gesteigerte Nachfrage auf dem Markt oder rechtliche sowie staatliche Regulierungen. Es liege nun an allen Akteur*innen ihre Potentiale zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Der Report richtet sich an alle, an Marken, Einzelhändler, Hersteller, Investoren und politischen Entscheidungsträgern, um das Erarbeiten gemeinsamer Lösungen zu beginnen. Und so richtet er sich auch an alle anderen Leserinnen und Leser: Wollen wir die Klimaerwärmung auf 1,5-Grad minimieren, braucht es alle entlang der Wertschöpfungskette. Bis hin zu uns Einzelpersonen, die die Mode letztendlich jeden Tag an uns tragen.


Falls du durch unseren Beitrag nun Interesse auf mehr entwickelt hast und alle Fakten lesen möchtest, dann findest du den ganzen Report hier.

Foto-Credits: ©Руслана Величко/Adobe Stock, Grafik von McKinsey & Company

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