Auroville – Sekte oder Paradies?

Alternative Lebensentwürfe gibt es viele. Immer mehr Aussteiger haben genug vom westlichen Egoismus und Materialismus. In Indien ist deshalb eine ganze Stadt entstanden, die eine Utopie leben will. Man ist dort frei von Leistungsdruck, Besitz und  Pflichten– so die Theorie.

Auroville möchte eine universelle Stadt sein, in der Männer und Frauen aller Länder in Frieden und fortschreitender Harmonie leben können, jenseits aller Bekenntnisse, politischer Überzeugung und nationaler Herkunft. Aurovilles Aufgabe besteht darin, die wahre menschliche Einheit zu verwirklichen. – Mira Alfassa, Gründerin Aurovilles

Eine universelle Stadt, das heißt erst einmal Bewohner unterschiedlichster Kultur und Herkunft. Bislang leben in Auroville 2.400 Einwohner aus 49 Nationen und diese bunte Vielfalt soll zu Fortschritt und Entwicklung führen. Rückwärtsgewandt ist die Stadt nämlich ausdrücklich nicht, anders als viele andere alternative Lebenskonzepte. Vielmehr profitiert Auroville von der Vergangenheit und nutzt das Wissen aller für eine bessere Zukunft. Damit verwirklichte die Gründerin Mira Alfassa eine Gesellschaftstheorie von Sri Aurobindo.

Einige Aurovillianer beschäftigen sich zum Beispiel damit, wie sie alternative Energien (Biogas-, Solar- und Windenergie) für sich nutzen können und entwickeln eigene Ideen für ein nachhaltiges Leben. Das ist ganz im Sinne der Gründerin. Jeder Bewohner soll für das Gemeinwohl arbeiten, ein Alterswohnsitz ist Auroville nicht.

Trotzdem bleibt ein Gefühl der Freiheit, denn was gearbeitet wird, kann jeder für sich selbst entscheiden. Man kann sich auf seine eigenen Stärken konzentrieren und sich mit 5-6 Stunden täglicher Arbeit einbringen. Dann erhält jeder ein Grundeinkommen von 6.000 Rupien (umgerechnet rund 78 Euro, aber eine Umrechnung ist wohl hier deplatziert), mit dem er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

Ein Leben ohne Geld?

Seit der Gründung Aurovilles 1968, hat die Stadt es geldlos versucht, mit einem Couponsystem und ist schließlich doch wieder zum Geldverkehr zurückgekehrt. Die Benutzung von Geld ist in Auroville aber nur Mittel zum Zweck, nicht Lebensinhalt.

Denn an diesem Ort wäre Geld nicht länger der höchste Herrscher. Individuelles Verdienst würde größere Gewichtung haben als der Wert, der sich auf materiellen Reichtum und soziale Position gründet. – Mira Alfassa

Auroville sieht die Einführung eines geldlosen Systems als ein Experiment und arbeitet daran, dauerhaft ohne jeglichen internen Geldverkehr auszukommen. Bislang konnte das aber nur teilweise geschehen und bleibt vorerst eine Utopie.

Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die Stadt noch nicht zu 100% autark arbeiten kann. So müssen Gelder und andere Dienstleistungen von außerhalb angenommen werden. Hinzu kommt, dass Besucher und Neulinge sich ihren Aufenthalt selber finanzieren müssen und mit Geld in die Gesellschaft treten. Geld ist also im Umlauf und auch notwendig, um ein weiteres Wachstum der Stadt zu ermöglichen. Das Experiment wird aber weiter verfolgt und das Ziel bleibt klar: eine Leben ohne Geld.

Die Charta der Stadt:

Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.

Auroville wird der Ort einer nie endenden Erziehung sein, eines immer währenden Fortschritts und einer Jugend, die niemals altert.

Auroville möchte die Brücke sein zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Indem es sich alle äußeren wie inneren Entdeckungen zunutze macht, wird Auroville zukünftigen Realisationen kühn entgegeneilen

Auroville wird der Ort materieller und spiritueller Forschung sein, für eine lebendige Verkörperung einer wahren menschlichen Einheit.

 

Auch was Erziehung angeht, wird umgedacht. Kinder sollen nicht erzogen werden, um bestimmte Posten zu füllen. Prüfungen, Zeugnisse, Noten – all das ist in Auroville unwichtig. Die Erziehung will darum in Auroville viel freier sein und mehr Freiräume in der Entwicklung lassen.

In der Stadt lebt es sich wie in einer anderen Welt – Die Architektur passt dazu

Ein gewisser vorzeitlicher Charakter haftet an der Architektur der Stadt, denn gebaut wird in Form einer Spiralgalaxie, die sich um den Zentralbereich erstreckt. Im Zentrum steht der Tempel der Mutter, das „Matrimandir“. Aufgeteilt ist die Stadt in vier Sektoren – Stadtteile, wenn man so will. Und diese Aufteilung ist nach den Nutzungsschwerpunkten geregelt: Das sind Kultur, Internationalität, Industrie und Wohnbereich.

Die Stadt wurde aus dem Nichts gebaut. Wo vorher vertrocknete Einöde war, sind heute Millionen von Bäumen und Vegetation. Diese braucht es auch, um ein weiteres Ziel, neben dem geldlosen System, zu erreichen. Eine Selbstversorgung soll irgendwann möglich sein und damit eine finanzielle Unabhängigkeit erreicht werden.

Die Stadt sollte ursprünglich 50.000 Sinnsuchenden ein Zuhause bieten. Doch mittlerweile ist absehbar, dass der Andrang überschätzt wurde. Und mit dem Wohnungsbau kommt die Stadt ohnehin schon lange nicht mehr hinterher.

Zweifel am utopischen Leben

Aber das sind nicht die einzigen Lücken, die sich auftun. Eine realisierte Stadtutopie in einer Größenordnung wie Auroville sie darstellt – kann das überhaupt funktionieren? Man stößt schnell auf kritische Stimmen von ehemaligen Bewohnern und von Besuchern der Stadt: Auroville basiere auf einer Sekte, in Auroville sei Ungerechtigkeit stärker als sonst irgendwo sichtbar, die Stadt sei weltfremd.

Klar, wenn man sich vorstellt, in eine Gesellschaft ohne Probleme fliehen zu können, ist das einfach nur naiv. Aber was ist wirklich dran an den Behauptungen? Auch wenn wir in Auroville nicht das Paradies finden würden, wäre es eine Sekte, wäre das wohl weiter von einem Paradies entfernt, als die westliche Welt.

Ein Leben ohne Religion?

Was die Religion angeht, wird betont, dass Auroville keine religiöse Organisation sei und auch nicht für solche Zwecke genutzt werden dürfe. Trotzdem: Die sogenannte „Mutter“, Gründerin von Auroville, wird verehrt wie eine Heilige. Und auch in der Charta der Stadt steht, „um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.“. Die Stadt sieht es so: Spiritualität ja, Religion nein.

Aber von außen betrachtet bleiben Zweifel. Einen Zugang zu dem spirituellen Ansatz muss sich wohl jeder selber schaffen und aus der Ferne ist das Ganze nur schwer einzuschätzen. Eine Sekte, das ist Auroville aber eher nicht. Viele Bewohner kehren für ein Studium in ihre Heimat zurück. Wenn sie möchten, kommen sie dann wieder zurück nach Auroville. Zwänge gibt es in Auroville grundsätzlich nicht. Und Die Gründerin hätte einen Personenkult nicht gewollt, Autoritäten und Hierarchien waren nicht vorgesehen.

Utopie und Wirklichkeit sind unterschiedliche Dinge

Wer in Auroville sein Glück finden will, wird aber auch an anderer Stelle schnell feststellen, dass Utopie und Wirklichkeit nicht einander entsprechen. In der Charta wird noch betont, dass die Stadt der ganzen Menschheit gehöre, und doch haben Arme und Kranke keine Möglichkeit, dort zu leben. Möchte man Bewohner von Auroville werden, muss man nämlich das erste Jahr durch eigenen Ersparnissen finanzieren.

Überhaupt fehlt es der Stadt an Geld, denn der Aufbau funktioniert nicht ohne. Auroville wird unterstützt von zahlreichen Organisationen wie der Caritas und sogar von der UNESCO. Eine weitere finanzielle Stütze ist der eigene Online-Shop, in dem die in Auroville hergestellten Produkte für Käufer in aller Welt angeboten werden. Das Wirtschaftssystem erklärt Auroville als eine Kombination von kollektiver Wirtschaft, Naturalienwirtschaft und gewerblicher Wirtschaft, die nicht auf Eigentum, sondern auf einem Treuhandsystem beruht.

Weitere Kritik wird geübt, wenn es um den Umgang mit Ungleichheit geht. Gerade weil die Stadt neu entsteht und die Bewohner für indische Verhältnisse recht wohlhabend auf Einheimische wirken, kam es immer wieder zu Konflikten. Die Stadt gehört niemandem, und doch schürt ihre Existenz Neid und Missgunst.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Stadt keine Probleme löst, sondern sich ihnen entzieht. Sie bietet zwar eine Alternative für all diejenigen, die mit dem status quo nicht einverstanden sind, gibt aber eben auch keinen Anstoß zur Veränderung. Immerhin: Die Kooperation mit dem Programm weltwärts soll helfen, entwicklungspolitische Bildungsarbeit auch in Deutschland zu leisten. Ein Freiwilligendienst wird vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zu 75% finanziert.

Mit der Experimentalstadt wurde versucht, bei null anzufangen, man drückte 1968 die „reset“-Taste. Doch nun sind 46 Jahre rum, einiges wurde ausprobiert und auch wieder verworfen. Und man ist immer noch weit entfernt von dem, was man erreichen möchte. Aber eben doch nicht mehr so weit, wie wir es sind.

So ein Paradies, das ist harte Arbeit.

Dokumentarfilm zum Thema:
„Die Weltbürgerin“ – Dokumentarfilm des ZDF:
„Isa, „Die Weltbürgerin“, ist in Auroville aufgewachsen, weiß aber noch nicht, ob sie bleiben will.“

Links: Website Auroville Deutschland
Website Auroville International

Credits: „Auroville“ von Aleksandr Zykov, Lizenz: CC BY-SA 2.0; „Auroville skyline 2“ von InOutPeaceProject, Lizenz: CC BY-SA 2.0; „Map of Auroville“ von InOutPeaceProject, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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