Velogista: Global denken, lokal lenken

Auf den Straßen Berlins ist seit Anfang des Jahres ein Fahrrad der besonderen Art zu sehen: Das Elektro-Lastenrad von Velogista. Bis zu 250 Kilogramm kann es laden und will damit eine Alternative zu Lastwagen und Co. in der Stadt sein. Wir haben mit Velogista darüber gesprochen, warum das 25 km/h schnelle Gefährt mit anderen Fahrzeugen konkurrieren kann und wie fit man als Fahrer sein muss.

GREENALITY: Die Fahrräder sehen ja lustig aus. Wie seid ihr darauf gekommen?
VELOGISTA: Das war in einem Kreuzberger Café. Dem Gründer und Initiator, Martin Seißler, sind bei einem Stück Käsekuchen die zahlreichen Transporter aufgefallen. Die haben kleine Lieferungen in das Café gebracht – in zweiter Reihe parkend. Martin transportiert seine beiden Kinder mit einem Lastenfahrrad, deswegen war klar: Diese Lieferungen könnten ohne Weiteres auch damit getätigt werden.

GREENALITY: Wird Berlin von den Schwerlasten-Elektrorädern eingenommen? Müssen Lkws bangen?
VELOGISTA: Wir sind erst am Anfang des Weges: Seit Anfang des Jahres werden Lieferungen für Berliner Gewerbe durchgeführt. Seit Juli haben wir zwei Elektro-Lastenräder in Betrieb. Noch können wir also leider nicht alle Lkws ersetzen. Möglich wäre es allerdings schon: Über die Hälfte der innerstädtischen Waren könnte mit Lastenrädern transportiert werden. Zumindest mit Lastenrädern wie unseren, die mit 250 Kilogramm beladen werden können oder ganze Euro-Paletten transportieren.

GREENALITY: Wie können solche Mengen mit dem Lastenrad transportiert werden?
VELOGISTA: Es gibt eine Anfahrtshilfe, um das voll beladene Rad in Bewegung zu setzen. Dann fahren die Lastenräder mit elektrischer Unterstützung. Die Fahrerinnen und Fahrer können einen Elektromotor zuschalten, der sie beim Transport der Güter unterstützt. Bis zu 50 Prozent der nötigen Kraft können vom Elektromotor beigesteuert werden. Mit einer Akkuladung, die mit Öko-Strom betrieben wird, sind 100 Kilometer zu schaffen. Dabei können die Räder eine Geschwindigkeit von 25 km/h erreichen.

GREENALITY: Mit 25 km/h können doch aber keine Geschwindigkeitsrekorde im Transportwesen gebrochen werden.
VELOGISTA: Die Durchschnittsgeschwindigkeit in Städten liegt meistens deutlich unter den erlaubten 50 km/h. In Berlin ist sie bei etwa 24km/h, sodass wir faktisch mit anderen Transportmitteln konkurrieren können. Dank der besseren Wendigkeit und den Maßen der Lastenräder sind wir auf vielen Strecken sogar noch schneller als herkömmliche Lieferfahrzeuge.

GREENALITY: Um 250 Kilogramm mit dem Transportrad zu befördern, muss man ziemlich durchtrainiert sein, wenn man bei euch als Fahrer arbeiten möchte, oder?
VELOGISTA: Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kann im Prinzip jeder mit unseren Fahrrädern fahren. Glücklicherweise ist der Kraftaufwand dank der Elektromotoren gering und auch für Leute, die nur gelegentlich Rad fahren, leicht zu bewältigen. Unsere Fahrer schwärmen jedenfalls vom Fahrgefühl. Die Fahrer können also längere Strecken fahren und einen regulären Arbeitstag bei uns zu überstehen, ohne dass sich über die Maßen verausgaben muss. Generell wollen wir einen angenehmen Arbeitsplatz für die Fahrer schaffen. Dazu gehört, wenigstens den Mindestlohn zu zahlen und Mitbestimmung sowie Teilhabe zu ermöglichen. Das ist leider in der Logistikbranche noch die Ausnahme.

GREENALITY: Findet man die Elektro-Lastenräder auch in anderen Städten?
VELOGISTA: In anderen europäischen Städten ist man schon weiter als in Deutschland. Es gibt vergleichbare Unternehmen in Barcelona, Paris oder London, die bereits erfolgreich Radlogistik betreiben. Es gibt keinen Grund, warum das in Deutschland nicht auch gemacht werden sollte. Es hat nur bis jetzt keiner konsequent verfolgt. Das wollen wir nun tun.

GREENALITY: Was habt ihr euch für die Zukunft vorgenommen?
VELOGISTA: Aktuell ist unsere Crowdfunding-Kampagne unser wichtigstes Projekt. Hier kann man durch den Kauf diverser Dankeschöns unsere Arbeit unterstützen. Mit dem gesammelten Geld wollen wir einen neuen Lastenrad-Prototypen kaufen und eine Werkstatt einrichten. Damit hätten wir schon einen großen Schritt in Richtung des Ziels gemacht, Mitte nächsten Jahres sechs Elektro-Lastenräder in Betrieb zu haben. Mit den erwirtschafteten Gewinnen könnten drei bis vier Mitarbeiter fest angestellt werden.

Das große Ziel ist es natürlich, mittel- bis langfristig die innerstädtische Logistik soweit möglich auf Lastenräder umzustellen. Dies stellt einem großen Gewinn an Lebensqualität für alle dar, weil deutlich weniger CO2 und Feinstaub ausgestoßen und außerdem die Verkehrs- und Lärmbelastung verringert werden würde. Wir denken, dass es an der Zeit ist, diesen Wandel anzustoßen und voranzubringen.

Mehr Infos über Velogista gibt es hier.

 

Credits: Velogista

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