Bangladesch Teil 2: Unsere erste Station

Dieser Beitrag ist Teil 2 von 6 in der Serie GREENALITY GOES BANGLADESH

Dass Dhaka eine Herausforderung für uns sein wird, war uns schon zu Beginn der Reise klar. Ein krasserer Tapetenwechsel, wie der von unserem gemütlichen Büro und Store im Herzen Stuttgarts, rein in das Chaos der Hauptstadt Dhakas, hätten wir uns wohl gar nicht vorstellen können. Erste Anzeichen, dass die Reise tatsächlich eine abenteuerliche wird, gab es bereits im Flugzeug…

Fliegen, so wie wir es kennen, beinhaltet, dass alle Passagiere während der Landung sorgsam angeschnallt auf ihren Sitzen verharren und auf das Signal von Steward und Stewardess warten – dass während der Landung plötzlich die Menschen um uns herum aufstehen, sich zu einem kleinen Mob bilden und lautstark zu diskutieren beginnen und die Bitten der Stewardess ignorieren, war uns da eher etwas fremd. Aber vielleicht haben wir auch schon zu diesem Punkt gemerkt, dass Dinge, die uns selbstverständlich erscheinen, Regeln, die wir kennen, wohl keinen universellen Anspruch haben.

Nach unserer langen Reise endlich am Airport Dhakas angekommen, mit dem Visum für 14 Tage Bangladesch gewappnet, wurden wir direkt vom Flughafen abgeholt und zu unserem ersten Ziel gefahren. Der Fabrik in der die #changemaker Shirts der Schülerfirma des Friedrich-von-Alberti-Gymnasiums hergestellt werden.

Tag I: Positive Eindrücke der #changemaker Fabrik

Während unserer ersten Fahrt durch Dhaka erlebten wir, wie Verkehr ohne Verkehrsordnung, Ampeln und sonstige Regeln abläuft: total chaotisch und ganz nach dem willkürlichen Gesetz, bei dem ausschließlich die Größe des Autos und die Lautstärke der Hupe für die “Vorfahrt” entscheidend sind.

Dass die Studierenden in Dhaka im August 2018 auf die Straße gegangen sind und gegen Zustände des Straßenverkehrs, der jedes Jahr ca. 12.000 Verkehrstote kostet, protestierten, wunderte uns nun überhaupt nicht mehr.

Vorbei an Straßen mit riesigen Kratern und Rissen, beobachteten wir das Menschengetummel und Treiben auf den Straßen (wobei wir auch sahen, wie das ein oder andere Huhn einfach so am Straßenrand geschlachtet wurde) und waren dabei so gefesselt, dass die Zeit im Nu verflog bis wir an unserem ersten Ziel ankamen.

… und rein in das Abenteuer | Foto:  Joshua Krull
erste Eindrücke | Foto:  Joshua Krull
erste Eindrücke | Foto:  Joshua Krull

Der Chef der Fabrik, in der die #changemaker Shirts hergestellt werden, empfing uns persönlich und führte uns durch die riesige Anlage und die neuen, modernen Gebäude der Fabrik, die erst seit 1-2 Jahren im Betrieb sind und etwa 2000 Mitarbeiter*innen Platz bieten.

Ein “Childcare Center” und “Doctors Room” ist wie wir erfuhren ab einer Mitarbeiterzahl von 40 Personen gesetzlich vorgeschrieben, auch wenn wir uns sehr darüber wunderten, dass in beiden Bereichen kaum Menschen angetroffen haben.

Endlich angekommen | Foto:  Joshua Krull
Foto:  Joshua Krull
Der „Doctors Room“ | Foto:  Joshua Krull

Etwas komisch kamen wir uns jedes Mal dabei vor, als uns die Sicherheitskräfte an allen Ein- und Ausgängen der Gebäude salutierten – ob das wohl ein Überbleibsel der Kolonialherrschaft ist?

Da in Bangladesch alle paar Stunden der Strom ausfällt und das der Wirtschaft natürlich enorm schadet, wenn die Maschinen ständig außer Betrieb sind, haben die meisten Fabriken eigene Diesel und Gas-Generatoren, die sobald der Strom ausfällt einspringen und die Maschinen mit Notstrom versorgen.

Hinweis

Auch der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza am 24. April 2013 wurde durch einen Stromausfall erzeugt. Das Gebäude befand sich zu diesem Zeitpunkt schon in einem baufälligen Zustand und hatte mehrere Risse an den Mauern, wurde jedoch zusätzlich durch einen Stromausfall, bei dem die Notstromgeneratoren auf allen Stockwerken gleichzeitig angesprungen sind, so heftig erschüttert, dass das Gebäude zusammen stürzte.

Seit dem Rana-Plaza Unglück wurden die Sicherheitsmaßnahmen und Arbeitsbedingungen in Bangladesch extrem verbessert. Auch die Fabrik, die wir besichtigten, war in einem tadellosen Zustand, hatte ausreichend Wassersprinkler, Rettungswege und Markierungen, erfüllte generell sehr hohe Sicherheitsstandards und könnte so auch genauso gut “irgendwo in Deutschland” stehen.

Auch während der Führung durch die Cutting Area (dort wird der Stoff zugeschnitten), die Qualitätskontrolle, den CAD Room mit 3D Drucker und die Nähwerkstätte machte die Fabrik auf uns einen sehr modernen und fortschrittlichen Eindruck – dass so viele Leute barfuß unterwegs waren, kam uns persönlich zwar etwas seltsam vor, spricht aber nicht gegen das Unternehmen 🙂

Hier wird der Stoff zugeschnitten | Foto:  Joshua Krull
Hier wird genäht | Foto:  Joshua Krull
Foto:  Joshua Krull

Der Fabrik werden die fertigen Stoffe zwar geliefert, jedoch läuft die gesamte Produktion, vom Zuschneiden, Nähen bis hin zur Veredelung (Bestickungen, Print, etc.) und der Erstellung von Bündchen und Labels, innerhalb der eigenen Gebäude ab.

Neben der Arbeitssicherheit waren für uns natürlich auch, in puncto Fairness, die Löhne der Arbeiter*innen interessant. Laut des Fabrikbesitzers erhalten diese durchschnittlich ca. 130 Euro. Er klärte uns auch darüber auf, dass es zwar einen Mindestlohn von ca. 54 Euro gibt, dieser jedoch in erster Linie für Hilfsarbeiter*innen oder sehr einfache Jobs im Lager gilt und es in der Textilindustrie sechs verschiedene Gehaltsstufen gibt, sodass die Leute, die an einer Maschine arbeiten, meist weit mehr als das Minimum verdienen.

Durch die Anzahl der täglich verfügbaren, freiwilligen Überstunden steigt der Lohn dann natürlich nochmals etwas an. Bei unserer Frage nach dem Gehalt und den aktuellen Gehaltsverhandlungen bemerkten wir nun erstmals eine Tendenz, dass die Fabrikbesitzer nicht besonders gut auf Gewerkschaften zu sprechen sind, weshalb wir dann schon auf die Sichtweise der Gewerkschaftler*innen gespannt waren.

Die Highlights unseres Abenteuers könnt Ihr Euch auch in unseren Instagram-Story-Highlights anschauen!

Die tollen Bilder hat Joshua Krull für uns aufgenommen, danke dafür!

Wichtig: da wir nur einzelne Einblicke bekommen haben und dabei merkten wie unglaublich komplex, die gesamte Situation vor Ort und die gesellschaftlichen Herausforderungen sind, spiegeln unsere Erfahrungen lediglich einen kleinen Teil und unsere persönlichen Erlebnisse wider und haben keinerlei Absolutheitsanspruch!

Hier geht es weiter in unserer Serie: << Bangladesch Teil 1: der Plan, Vorbereitungen und unsere ErwartungenBangladesch Teil 3: Besuch einer Schule in Dhaka >>
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