Kommt, wir lassen die Hipster in Ruhe!

Unsere Generation scheint eindeutig die Hipster-Generation zu sein. Auch wenn – wie sogar etablierte Tageszeitungen spötteln – niemand sich als solcher bezeichnen würde. Ist doch irgendwie komisch. Eigentlich ist dieses Massenphänomen doch bis jetzt eines der progressivsten und offensten von allen bisherigen.

Massenphänomene und Modeerscheinungen haben ja immer den Beigeschmack von Zugehörigkeit und die unweigerlich damit verbundene Abgrenzung von Anderen. Abgrenzung in dem Sinne, dass Menschen ausgeschlossen werden, weil sie nicht dazupassen. Das ist auf jeden Fall auch das Blödeste an Mode und Trends.

Es war schon immer scheiße, dass jemand, weil er sich nicht die teuersten angesagtesten Klamotten leisten kann, ausgegrenzt wurde.

Jetzt haben wir gerade eine ganz seltsame Mode. Ein Mischmasch aus Flohmarkt-Klamotten im Retro Style und arschteuren Sneakers (aus gesundheitlicher Perspektive betrachtet übrigens hundertmal besser, als arschteure Pumps oder Ballerinas). Aber gerade das ist doch das Entspannte im Moment. Ich kann als nicht sehr wohlhabende Studentin Teil der Mode sein, ohne viel Geld auszugeben. Weil momentan ja irgendwie alles cool ist.

Wir können alles anziehen. Im schlimmsten Fall ist es „trashig“ und damit auch wieder cool…

Zum Beispiel habe ich eine grüne Bomberjacke wiedergefunden, die ich mal mit vierzehn Jahren gekauft habe. Meine modebewussten Freundinnen sagen: Kann man machen.
Meine alten Doc Marten’s aus meiner kurzen, aber intensiven Punk-Phase mit fünfzehn: Inzwischen wieder cool.
Und wenn meine Mutter oder meine Tante ihren Kleiderschrank ausmisten, ist immer mindestens ein Teil dabei, das ich tragen könnte, bei dem sicher einige Hipster-Mädels denken würden, das hab ich in Berlin auf dem Flohmarkt gekauft.
Und, dass Jutebeutel salonfähig sind, ist für mich sowieso ein wahrer Segen.
Oh und hallo: Weite Pullis! Und weite T-Shirts! Für Frauen! Klar war das alles schonmal da, aber sorgen wir doch bitte dafür, dass es auch bleibt!

Dass ich mir keine arschteuren Sneakers kaufe, interessiert niemanden, denn lustigerweise ist ja bei Hipstern auch das Motto: Wer’s anders macht ist auch cool, bzw. umso cooler. Trendsetter und so. Find ich schonmal super.

Mit diesen ganzen hippen Sportarten wie Slackline und Longboard kenn ich mich zwar nicht aus, find ich aber sowieso aus Prinzip erstmal immer gut, weil frische Luft und Bewegung. Kann ja nicht schlecht sein eigentlich. Wie das gesundheitlich mit den Gelenken aussieht beim Longboard fahren, ist ja sowieso das Problem des Einzelnen. Ist aber sicher besser als Skateboard fahren.

Die Ernährung, die gerade angesagt ist, also vegetarisch, oder inzwischen auch verstärkt vegan, ist sowieso ein Trend, den ich nur unterstützen kann. Da sind mir die Motive ehrlich gesagt auch erstmal egal.

Auf hipsterhype.de gibt es eine Liste, auf der aufgezählt wird, woran man einen Hipster erkennt. Auch wenn es scherzhaft gemeint ist- da stehen fast nur Dinge, die ich unterstützen kann: Lebensmittel von lokalen Händlern, Bücher lesen, auf Flohmärkten einkaufen und Ähnliches. Ist doch gut.

All das ist nachhaltig und grenzt niemanden aus. Denn die „Regeln“ in dieser Mode sind alles andere als streng. Das kann ich aus Erfahrung sagen, weil ich mit sehr vielen Menschen zu tun habe, auf die fast alles auf der Liste zutrifft und die niemals auf die Idee kommen würden, mich zu verurteilen, weil ich nicht das nötige Kleingeld für neue Klamotten habe.

Ich mach ja auch nicht den ganzen Quatsch mit. Nur die Sachen, die mir gefallen. Das ist doch das Gute an Mode.

Was also wird so gehasst?

Auch das, liebe Nicht-Hipster (wenn ich „liebe Hipster“ schreiben würde, würde sich wahrscheinlich niemand angesprochen fühlen), ist ganz einfach zu sagen: Sätze wie „Die hab ich schon gehört, da waren sie noch nicht Mainstream“, oder „Das Coole an MC Fitti ist doch, dass es so trashig ist“. Dass man nicht mehr normal mit einer Person sprechen kann, ohne, dass sie auf ihr Smartphone starrt. Dass alle so anders aussehen wollen und dadurch so gleich sind.

Aber, wenn man ehrlich ist, ist das Problem der Smartphones eines, das wir überall in unserer Gesellschaft haben. Diese „ich bin was Besonderes“- Sätze stammen von Leuten, die auch ohne Hipster zu sein Scheiße labern würden. Und das mit dem verkrampften Drang nach Individualismus, der am Ende fast immer zu Uniformität führt, ist auch in jedem Jahrzehnt dagewesen.

Natürlich gibt es auch Sachen, die mich am Hipstertum ankotzen. Dass Frauen aussehen wollen wie Heroinabhängige. Dass Mädels ihre „Gap“, also ihre Lücke zwischen den Oberschenkeln feiern. Generell, dass alle so dünn sein wollen.

DAS ist doch bescheuert. Was uns die Industrie mal wieder für Bilder vermittelt. Beschäftigen wir uns doch damit mal, statt uns über Leute aufzuregen, die Nerdbrillen tragen, bunte Sneakers anhaben und während sie Kafka lesen einen fair gehandelten Latte Macchiato trinken. So wie der Typ hier. Ach nee, das ist ein Kumpel von mir, der ist cool, der ist kein Hipster. Achso… na dann…

 

Credits: „Dear hipsters…“ von Lars K Jensen, Lizenz: CC BY 2.0

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