Kampagne für saubere Kleidung: „Die Unbekümmertheit ist nicht mehr da“

Skandale aufdecken, Mahnwachen halten, demonstrieren: Mit ihren Aktionen haben die Aktivisten der Kampagne für saubere Kleidung seit Ende der 90er Jahre auf sich aufmerksam gemacht. Das Ziel: faire Arbeitsbedingungen für die Arbeiterinnen. Von Anfang an mit dabei ist Irmgard Busemann aus Hamburg. Der Einsatz bleibt für die 66-Jährige nicht ohne Folgen. 

Irmgard Busemann ist kein Mensch, der auf Konflikte aus ist. Wenn sie aber das Haus verlässt und einkaufen geht, wird sie unbequem. Mit anderen Aktivisten der Kampagne für saubere Kleidung unterhält sie sich lautstark im Laden und stellt unangenehme Fragen.

Wo wurde die Jeans produziert? Unter welchen Arbeitsbedingungen? Was verdienen die Arbeiterinnen? Sie verwickeln Verkäufer in Gespräche und schreiben deutschlandweit Unternehmen an. Sie planen Aktionen und informieren, wenn sie mit Gewerkschafterinnen und Nichtregierungsorganisationen wieder einen Skandal aufdecken.

„Die Verhältnisse sind nicht unumkehrbar“

Irmgard Busemann ist 66 Jahre alt und arbeitet als Pädagogin. Was für viele Kinder heute selbstverständlich ist, musste sich die Generation von Irmgard Busemann erst erkämpfen.

„Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, in der es hieß ‚Frauen können das nicht, oder dürfen jenes nicht, weil sie Frauen sind. Wir sind aufgewacht und haben uns gewehrt. Man muss nicht alles über sich ergehen lassen.“ In Deutschland habe sich für Frauen viel geändert. In anderen Ländern nicht.

Damit Kunden in Deutschland Hosen für 15 Euro und T-Shirts für zehn Euro kaufen können, würden Frauen in Textilfabriken in Bangladesch, Indien und anderen Ländern würdelos und ausbeuterisch behandelt.

Wie die Arbeiterinnen, die bei Fehlverhalten auf einem Bein in der Ecke stehen müssen. Oder Frauen, die vor einer Anstellung zwangsweise einen Schwangerschaftstest durchführen, der, wenn er positiv ist, das berufliche Aus bedeutet. Oder Näherinnen, deren Toilettengang reglementiert wird.

Firmen behaupten, dass die Verhältnisse unumkehrbar seien. Irmgard Busemann nimmt das nicht hin, weil sie erlebt hat, dass man Dinge ändern kann.

Kampagne für saubere Kleidung kämpft für Verbesserungen

Regelmäßig plant die Kampagne für saubere Kleidung Aktionen gegen namenhafte Textilhersteller.

Als die Kampagne für saubere Kleidung Ende der 90er Jahre nach Deutschland kam, reagierten Passanten schon mal mit „Aber ich wasche meine Sachen doch ordentlich!“ Mittlerweile ist die Kampagne bekannt. International lautet die Abkürzung für die Kampagne CCC – das steht für Clean Clothes Campaign.

Als das Rana Plaza Gebäude in Bangladesch einstürzte, hielten die Aktivisten Mahnwache vor KiK und C&A. Sie trugen Trauer und legten weiße Rosen in Gedenken an die Opfer nieder.

Schon früher gab es Aktionen gegen Aldi, Lidl, Karstadt und Tschibo. Unternehmen, die nicht sofort mit Kleidung in Verbindung gebracht werden, deren Umsatz aber zu großen Teilen aus dem Verkauf von Textilien besteht.

Alle Firmen reagierten und erstellten einen Verhaltenskodex. „Einige sind bereit etwas zu ändern. Aber es gibt so viele Produktionsorte. Am Ende der Hühnerleiter kommt nichts von dem an, was hier beschlossen wird.“

Die Selbstverpflichtungen sind daher wenig überzeugend und eher lächerlich“, so die 66-Jährige. Handelsfirmen wären bereit, Kontrollen für bessere Arbeitsbedingungen einzuführen. Die Kosten sollen die Produktionsfabriken tragen. „Dann steigt der Druck auf die Näherinnen noch mehr.“

Inzwischen gibt es Zusammenschlüsse, die die Fabriken prüfen und das Management schulen. Die Kleidung erhält ein Label, das faire Bedingungen signalisiert.

Verbesserungen in kleinen Schritten.

„Erzähl bloß nicht, wo du das gekauft hast!“

Im Alltag von Irmgard Busemann hinterlässt das Engagement bei der Kampagne für saubere Kleidung Spuren. „Ich gehe nicht mehr gerne einkaufen. Die Unbekümmertheit ist nicht mehr da.“ Freunde und Bekannte reagierten positiv, aber auch verhalten. Wenn sie zu einem Gespräch dazu stößt, kann es passieren, dass es verstummt: „Pass auf, da kommt Irmgard. Erzähl bloß nicht, wo du das gekauft hast!“

Dabei kauft sie ganz normal ein. Die Kampagne für saubere Kleidung ermuntert niemanden, bestimmte Läden zu meiden. Mit einem Boykott würden Arbeitsplätzen vernichtet. „Die Massenproduktion muss sich ändern, damit es für alle fair zugeht.“

Fairness beginnt für 66-Jährigen auch bei der Frage: „Was benötige ich wirklich?“ Muss es eine neue Bluse sein, nur weil die Farbe nicht dem Trend entspricht? Oder Schuhe, wenn schon 20 Paare daheim stehen? „Wir brauchen nicht ‚jede Woche eine neue Welt’“, resümiert Irmgard Busemann.


Die Kampagne für saubere Kleidung ist ein Netzwerk aus Trägerorganisationen, die bundesweit zusammenarbeiten. Es gibt Regionalgruppen in Berlin, Stuttgart, Bremen, Hamburg, Hannover, Schleswig-Holstein und Bonn. Weitere Infos über die Kampagne unter www.saubere-kleidung.de

Credits: Fotos von saubere Kleidung

 

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