Braune Energie: Strom aus dem Klo

Geld aus Scheiße machen kennen wir ja. Das haben viele Firmen und Tageszeitungen bereits perfektioniert. Aber aus Scheiße Energie machen, das gibt’s jetzt in Hamburg.

Vor zehn Jahren wurde Ken Livingstone zum Bürgermeister von London gewählt. Sein Wahlversprechen: Freier Eintritt für alle in alle staatlichen Museen. So geschah es dann auch. Allerdings waren die Stromkosten nicht ohne, unter anderem im siebenstöckigen Wissenschaftsmuseum.

Um diese zu senken, hatte der Museumsleiter Jon Tucker einen Gedanken: Drei Millionen Besucher pro Jahr. Wenn wir kein Geld nehmen, können die uns doch was zurückgeben… Und so entstand die Idee, aus den Exkrementen der Besucher Energie herzustellen. „Poo Power“ nannte er das.

Dieser Gedanke wurde nun in Hamburg weitergesponnen. Das Ergebnis ist ein ganzes Neubauviertel, das bis zu 40 Prozent seines Wärme- und bis zu 50 Prozent seines Strombedarfs selbst deckt. Und zwar mit Exkrementen.

Ein Modell des modernen Hamburger Neubauviertels

HAMBURG WATER Cycle heißt das Ganze. Ein Konzept für die Abwasserentsorgung und Energieversorgung in Städten. Abwasserströme werden unterteilt in Grauwasser, Schwarzwasser und Regenwasser und individuell aufbereitet.

Letzteres versteht sich von selbst. Das einigermaßen saubere Regenwasser wird direkt in den extra dafür angelegten Kühnbachteich. Das Wasser kann für Grünflächenbewässerung genutzt werden oder eben einfach zur Kühlung der Luft durch Verdunstung.

Das Grauwasser ist das Abwasser im Haushalt, das nicht aus der Toilette kommt. Also aus Waschbecken, Badewanne, Dusche und Waschmaschine. Es wird streng vom Schwarzwasser getrennt und in eigens dafür angelegten Anlagen geklärt. Dann kann es in lokale Gewässer abgeleitet oder zur Bewässerung des Gartens oder für die Toilettenspülung genutzt werden.

Das Schwarzwasser ist das Abwasser aus dem Klo. Also die Fäkalien. Durch die Trennung der drei Abwasserströme hat das Schwarzwasser eine höhere Konzentration uns ist ertragreicher.

Zusätzlich werden wassersparende Vakuumtoiletten eingesetzt, damit die Fäkalien so wenig wie möglich verdünnt werden.Die neuartigen Toiletten brauchen nur knapp einen Liter Wasser pro Spülgang und spart im Vergleich zu herkömmlichen Toiletten zwischen fünf und neun Liter pro Spülung ein.

Zusammen mit anderer Biomasse, also zum Beispiel Bioabfällen, wird das konzentrierte Schwarzwasser vergärt, wodurch Biogas entsteht. Ein Blockheizkraftwerk (BHKW) wandelt das in Strom und Wärme um.

So soll das Neubauviertel „Jenfelder Au“ mal aussehen

Jenfelder Au heißt das Neubauviertel mit ca. 770 Wohneinheiten, bei dessen Planungsprozess Bürger intensiv beeiligt wurden und für das die niederländischen Städteplaner vom Büro West 8 ganz verschiedene Haus- und Wohnungstypen in Einklang brachten.

Ein solches Neubauviertel, das dank seiner erschwinglichen Mietpreise für viele Menschen aus unterschiedlchen sozialen Schichten neuen Wohnraum bietet, könnte neue Maßstäbe setzen. Ökologisch und sozial. Dauern wird es sicher trotzdem noch eine Weile bis sich das Konzept durchsetzt.

Denn dieses „Aus Kacke Energie machen“-Ding ist zwar ökologisch gesehen der Oberhammer, wirtschaftlich aber noch nicht ganz. Die Investitionskosten für diese Art von Entwässerung sind ziemlich hoch.

Allerdings muss man dazu sagen, dass die Preise für Strom und Wärme so zuverlässig steigen, dass es vielleicht schneller als man denkt zu einer ernsthaften Alternative wird. Ich stelle mir das echt cool vor, sich nach jedem Klogang auf die Schulter klopfen zu können, weil man wieder etwas für sein ganzes Viertel getan hat.

 

Credits: Titelbild: Klo von Jannis ist lizensiert nach CC BY 2.0

Bilder hamburgwatercycle.de; HAMBURG WATER Cycle® und West8 Urban Design & Landscape Architecture

 

 

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