Geplanter Verschleiß: Das eingebaute Verfallsdatum

Dass wir immer weiter konsumieren, hat nicht nur mit Werbung zu tun, sondern auch damit, dass um jeden Preis Wirtschaftswachstum generiert werden soll. Und das teils mit absurden, umweltschädlichen Methoden.

Der alte DUAL-Plattenspieler, auf dem meine Mutter früher im Studentenheim BAP gehört hat und den sie mir dann wiederum mitsamt Plattensammlung für meine Studentenbude vermacht hat, musste neulich einen Umzug überstehen. Seitdem ist der Verstärker kaputt. Ziemlich ärgerlich, jetzt muss ich einen neuen Verstärker kaufen. Da ist mir allerdings erst aufgefallen, wie lang das Teil durchgehalten hat…

Ein Plattenspieler, der bereits in der zweiten Generation genutzt wird und das wahrscheinlich auch noch überstehen wird… Ganz ehrlich, ich will echt nicht wie so eine verkalkte „Früher war alles besser“-Omi klingen, aber das ist heutzutage doch kaum vorstellbar. Klar, das kann auch daran liegen, dass Elektrogeräte einfach schon deshalb keinen so hohen Wert mehr haben, weil die Technologie so schnell voranschreitet (dazu später auch noch mehr), aber vor allem hat es mit etwas zu tun, was studierte Köpfe als „geplante Obsoleszenz“ bezeichnen.

„Das lohnt sich nicht mehr.“

Hört sich nach einer Verschwörungstheorie an, ist aber Realität: Oft geben Geräte kurz nach Ablauf der Garantie den Geist auf. Eine Reparatur kostet meist so viel, dass es sich nicht mehr lohnt und der Kauf eines neuen Gerätes mehr Sinn macht. Und schon wird mehr verkauft.

Das ist die geplante Obsoleszenz. Ein künstlich erstelltes Verfallsdatum. Angefangen hat das Ganze mit dem Phoebus-Kartell 1926. Die haben das quasi erfunden, dass die Lebensdauer eines Produktes verkürzt wird. In diesem Fall die Glühbirne, die revolutionäre Erfindung dieser Zeit. Aus Profitgründen beschloss das Kartell, die Lebensdauer aller Glühbirnen von 2000 auf 1000 Stunden zu senken. Jeder Konzern, der Glühbirnen verkaufte, die länger brannten, musste eine Strafe zahlen.

Die Idee des geplanten Verschleiß war geboren. Die Konsumenten dazu zu zwingen, neue Produkte zu kaufen, geht nicht nur mit frühzeitigem Verschleiß, sondern auch damit, dass uns immer schneller suggeriert wird, mit unseren Geräten nicht auf dem neusten Stand zu sein. Also sozusagen psychologischer Verschleiß. Zusätzlich werden gerne weitere Stolperfallen eingebaut, die dazu führen, dass das Gerät schneller kaputt geht als es sollte.

Eine sehr interessante ORF-Doku über geplanten Verschleiß und wie große Unternehmen dadurch Gewinne erzielen:

Geplante Obsoleszens als reale Wirtschaftsstrategie

Eine Studie des Umweltbundesamtes belegt, dass inzwischen neuwertige Geräte kürzer genutzt werden – teils wegen des schnell wechselnden Angebots an neuesten Technologien, teils wegen des frühzeitigen Verschleißes. Bereits 2013 wurde im Auftrag der Bundesfraktion der Grünen ein Gutachten über geplante Obsoleszenz erstellt, um nachzuweisen, dass es sich um keine Verschwörungstheorie handelt.

Der Volkswirt und Professor für Wirtschaftspolitik Christian Kreiß und der Betriebswirt Stefan Schridde haben zusammen an diesem Gutachten gearbeitet. Stefan Schridde ist der Initiator von „Murks? Nein Danke e.V.“, einer bürgerschaftlichen Verbraucherschutzorganisation für nachhaltige Produktqualität und gegen geplante Obsoleszenz. Auf der Homepage können alle Geräte gemeldet werden, die frühzeitig den Geist aufgegeben haben.

Christian Kreiß hat ein Buch mit dem Titel „Geplanter Verschleiß“ veröffentlicht, in dem er noch einmal näher auf psychologischen Verschleiß und die Rolle der Werbung eingeht und außerdem in Zahlen und Fakten vorrechnet, was die geplante Obsoleszenz die VerbraucherInnen am Ende mehr kostet. Nämlich jährlich mehr als 100 Milliarden Euro.

Mehr Wachstum für wenige – mehr Müll für alle anderen

Die geplante Obsoleszenz richtet nicht nur einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden an, sie ist auch noch eine absolute Katastrophe für unsere Umwelt. Zu Zeiten, in denen wir dringend einen schonenden Umgang mit unseren Ressourcen pflegen müssten, ist es ein Unding, Produkte schneller verschleißen zu lassen als eigentlich nötig.

Zusätzlich zur Umweltverschmutzung setzt unser Elektroschrott auch noch die Gesundheit von Menschen in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern aufs Spiel, indem er nicht entsorgt wird, sondern an die dortigen Händler als Gebrauchtware verkauft wird. Die in Elektroschrott enthaltenen Metalle wie Gold und Kupfer können dann wiederum weiterverkauft werden.

Der restliche giftige Schrott bleibt dort liegen. Um an die Metalle zu gelangen, verbrennen die Menschen, oft auch Kinder und Jugendliche, die Kabel und Platinen und atmen dabei Gifte ein wie krebserregende Dioxine, hirnschädigendes Quecksilber, Blei, das unfruchtbar machen kann, und Cadmium, das die Nieren schädigt. Alles in allem ist die geplante Obsoleszenz also eine Riesensauerei.

Aber sie generiert Wirtschaftswachstum. Und das scheint das oberste Ziel zu sein: Wachstum. Wie absurd das ist! Wie kann Wachstum nur das Ziel einer Gesellschaft sein, in der momentan das genaue Gegenteil gefragt ist? Ressourcen sparen, Entschleunigung, Aufhebung von Sachzwang – das brauchen wir doch dringend, ganz entgegengesetzt zum Wachstum.

Wir brauchen Ideen, wie wir unseren Besitz teilen können, wie wir dafür sorgen können, dass weder die Umwelt noch andere Menschen unter unserem Lebensstil leiden müssen. Wachstum als übergeordnetes Ziel zu betrachten, ist ungefähr das Dümmste, was wir tun können. Der Ökonom Kenneth Boulding hat das sehr treffend formuliert: „Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt für immer weitergehen kann, ist entweder verrückt oder ein Wirtschaftswissenschaftler.“

 Seit Ende Oktober gilt in Deutschland das neue Elektronikgerätegesetz nach dem Händler mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche verpflichtet sind, Elektro- und Elektronik-Altgeräte beim Neukauf eines gleichwertigen Geräts kostenfrei zurückzunehmen. „Kleine Altgeräte (keine Kante darf länger als 25 Zentimeter sein) müssen die großen Händler auch dann zurücknehmen, wenn ein Kunde kein neues Gerät kauft.“ Das Gesetz soll auch „den Zoll dabei stärken, den illegalen Transfer von Altgeräten in ärmere Länder zu unterbinden.

Credits: „Lysbüchel Rundgang 24.9.2014“ von Patrik Tschudin ist lizensiert nach CC BY 2.0

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