Fiva im Interview: Ohne Zweifel geht’s leichter

Eigentlich eine Schande, dass wir bis jetzt nur Männer ausgequetscht haben. Das ändert sich jetzt aber mit der wunderbaren Nina Fiva Sonnenberg, kurz Fiva. Mit Fiva haben wir über ihr neues Album „Alles leuchtet“ gesprochen und darüber, warum Frauen leider viel zu oft Dinge bereuen. 

GREENALITY: Du warst sehr aktiv und erfolgreich im Poetry Slam, kann man dich noch bei Slams antreffen?

Fiva: Im Moment bin ich mit dem neuen Album „alles leuchtet“ sehr ausgelastet. Wir gehen auch bald noch auf Tour. Da ist es leider nicht drin, für fünf oder zehn Minuten Auftritt zu einem Poetry-Slam zu kommen. Ich bin trotzdem großer Fan der Szene und finde toll, was da passiert. Ich würde auch nicht unterschreiben, dass ich nie wieder auftrete.

GREENALITY: Was hat für dich Vorrang bei einem Song: Musik oder Text?

Fiva: Ich hoffe nicht, dass ich mich da entscheiden muss! Ich selber bin keine Musikerin in dem Sinne, spiele schon ein Instrument, das aber eher schlecht. Bei der Produktion der Alben kann ich mit meinem Gehör gut mithelfen und natürlich schon meinen Beitrag leisten. Ich bin aber sehr froh, mit Musikern zusammen zu arbeiten, die das ganze hauptberuflich machen. Und ich finde Text mit Musik zusammen ist das Tollste.

GREENALITY: Was ist musikalisch neu bei „alles leuchtet“?

Fiva: Wir haben das Rad sicher nicht neu erfunden, aber wir haben eine gute Mischung aus dem Album „Die Stadt gehört mir“ und den übrigen Alben gefunden. Die Crew, mit der ich dieses Mal das Album aufgenommen habe, sind Jazzmusiker, die aus dem Hip-Hop-Kontext kommen. Das heißt, was verschiedene Einflüsse angeht, waren die sehr offen. Ein bisschen kann man auch den Soul raushören auf dem Album. Während der Produktion haben wir das nämlich viel zusammen gehört.

GREENALITY: Du machst seit 1999 Rap. Wie schaffst du es, dass dir da nicht die Themen ausgehen?

Fiva: Das ist wirklich das kleinste Problem. Themen gibt es immer. Es reizt mich auch am meisten am Schreiben, dass das Leben immer wieder neue Fragen aufwirft und Überraschungen bringt. Es ist jetzt keine therapeutische Verarbeitung für mich, aber zu beobachten, wie sich der eigene Charakter entwickelt und auch die eigene Umgebung, das macht mir viel Spaß. Generell beobachte ich sehr viel, auch andere Menschen und Situationen. Das ist im Kern das, was ich am liebsten tue. Von daher fällt es mir total leicht, Themen zu finden. Das Leben ist sehr spannend und manchmal sogar zu spannend.

GREENALITY: Du trägst oft schicke Kleider und ziehst dann bequeme Sneakers dazu an. Steckt da auch ein Statement an die Männer drin, von wegen „warum sollten Frauen High Heels tragen, nur um euch zu gefallen“?

Fiva: Nein, es geht ja nicht immer nur um die Männer. Zumindest denke ich nicht zu allererst daran, wie es den Männern gefällt. Ich bin da mehr der pragmatische Typ. In meinem Leben habe ich meine Füße schon genug geschunden, ich habe nämlich 15 Jahre klassisches Ballett hinter mir. Und ich finde, schöne Sneakers sehen zu schönen Kleidern einfach spitze aus. Schöner und einfacher kann man sich gar nicht anziehen.

GREENALITY: In „das Beste ist noch nicht vorbei“ singst du „Heute gibt’s keine Fehler, höchstens eine Schnapsidee“. Bist du generell ein Mensch, der wenig bereut im Leben? Kann man das überhaupt abstellen?

Fiva: Ich arbeite dran. Ich finde, dass vor allem Frauen besonders stark zweifeln. Das ist ein Punkt, der sehr abhält vom wirklichen Leben. So blöd das auch klingt, man lernt aus allen Fehlern. Und wenn man zurückblickt, sind die Fehler dann meistens auch kein Weltuntergang gewesen. Das bedeutet aber nicht, dass ich mir nicht auch meine Gedanken mache. Auf Knopfdruck abstellen kann man Zweifel nicht.

GREENALITY: Und warum zweifeln gerade Frauen so viel?

Fiva: Ich glaube, das ist ein erziehungstechnisches Ding. Man hat Erwartungen an uns. Zum Beispiel erwarten alle, dass man Multi-Tasking kann, in der Schule alles richtig macht, Job und Privatleben unter einen Hut bringt. Frauen sind oft besonders strebsam. Ich glaube aber nicht, dass das angeboren ist. Eher ist der Anspruch an uns enger gelegt und das haben wir verinnerlicht. Wenn eine Frau sich für Karriere entscheidet, wird auch direkt erwartet, dass sie den Rest bitteschön auch gut macht. Ich würde mir wünschen, dass wir da alle mal – um jetzt mal das soziologische außer Acht zu lassen – so richtig drauf scheißen. Natürlich ist das ein harter Kampf, den man in seinem Kopf zu kämpfen hat, aber er lohnt sich. Wenn man sich von Zweifeln und von Erwartungen anderer freimacht, hat man viel gewonnen.

GREENALITY: Für bezahlbaren Wohnraum bist du in München demonstrieren gegangen. Gehst du öfters auf die Straße?

Fiva: Naja, ich war einmal gegen Studiengebühren protestieren und da haben dann Studenten anderen Studenten für 3 Euro Bier verkauft. Das fand ich das Allerletzte, dass man selbst aus so etwas noch Gewinn rausschlagen muss. Ich muss sagen, dass ich leider ansonsten nicht so oft protestieren gehe.

Die Demo für bezahlbaren Wohnraum lag mir aber besonders am Herzen, weil es mich auch selber betrifft. Ich muss mir als freie Künstlerin schon Gedanken machen, ob ich in Zukunft mit meinem Geld eine Wohnung in München finanzieren kann. Es wird immer teurer und ich habe wirklich Glück, im Moment noch eine bezahlbare Wohnung zu haben. Und wenn es dann immer teurer wird, geht auch die Mischung verloren. Die Stadt verändert sich, und wenn es irgendwann nur noch reiche Leute in München gibt…. Nicht, dass ich etwas gegen reiche Leute habe, aber ich finde, eine Mischung ist irrsinnig wichtig. Bei euch in Stuttgart sieht es wahrscheinlich auch nicht viel anders aus?

GREENALITY: Ja, das stimmt. Ich glaube dieses Problem gibt es fast in jeder Großstadt. Aber mit München hast du da natürlich das besonders große Los gezogen.

Fiva: Ja, das ist echt scheiße.

GREENALITY: Hast du denn zu allem eine Meinung?

Fiva: Überhaupt nicht! Ich erwarte schon von mir, dass ich eine Meinung habe. Man kann aber auch mal schweigen, wenn man nichts weiß. Nur zu reden, um zu reden – das will ich nicht. Entweder ich informiere mich über etwas und habe dann eine Meinung dazu, oder eben nicht. Für mich persönlich habe ich aber auch herausgefunden, dass es nicht immer nur die eine Meinung braucht. Bei manchen Themen – natürlich nicht bei allen – hat man mehr gewonnen, wenn man eben nicht alles schwarz oder weiß sieht.

Und jetzt heißt es noch entweder oder!

Laut oder Leise? Laut
Prinz Pi oder Prinz Porno? Prinz Pi
Stefan Raab oder Günther Jauch? Günther Jauch
Wacken oder Rock am Ring? Wacken

Facebook: Fiva
Website: Nina Fiva Sonnenberg

 

Credits: Alle Bilder © Fiva

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