Critical Mass: Wem gehört die Straße?

Die Critical Mass ist vor allem „kritisch“ gegenüber dem Status quo im Straßenverkehr. Radfahrern werden oft nur wenig Rechte eingeräumt, wenn es um die Nutzung der öffentlichen Straßen geht. Eher werden sie noch beschimpft, sie würden sich wie Rowdies verhalten. Im Kollektiv holen die Fahrradfahrer sich jetzt die Straße zurück und behindern mit ihren Touren den Verkehr.

In unserem jugendlichen Leichtsinn – wenn man so will – sind meine Freundinnen und ich noch vor ein paar Jahren mit unseren Fahrrädern oft nebeneinander mitten auf der Straße gefahren. Wirklich viel nachgedacht haben wir dabei nicht, muss ich zugeben. Im Nachhinein zu sagen, das wäre Protest gewesen, das kommt mir auch nicht richtig vor.

Aber zumindest hatten wir schon damals immer eine scheiß Wut, wenn uns die Autofahrer dann überholt haben und uns beim Vorbeifahren durchs offene Fenster laut und wild gestikulierend mitteilen wollten, dass wir doch gefälligst Platz zu machen hätten. Wir wollten uns schlicht und einfach unterhalten. Zwei Räder nebeneinander. Im Auto ist das doch schließlich auch möglich. Wer entscheidet denn, dass die Straße den Autos gehört?

„Wir behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr!“

Und genau diese Frage stellen sich immer mehr Menschen: Warum gehören die Straßen den Autos? Die Straßen sind schließlich öffentlicher Raum. Und ganz nach dem Motto „wir behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr!“, holen sich deswegen die Radfahrer jetzt einmal im Monat die Straße zurück.

Die Masse macht‘s

Die bisher größte Critical Mass fuhr 2008 mit rund 80.000 Teilnehmern durch Budapest. Ein Startpunkt wird vorab ausgemacht und dann einfach gemeinsam losgeradelt. Im Kollektiv haben die Radfahrer auch das Gesetz auf ihrer Seite, denn in Gruppen mit mehr als 15 Teilnehmern gibt es besondere Regelungen. Es darf zum Beispiel nebeneinander gefahren werden und wenn eine Ampel mal auf Rot umschwenkt, darf trotzdem noch der Rest der Gruppe über die Kreuzung fahren.

Ursprünglich wurden die kreativen Proteste nicht angemeldet und oft auch die Strecke vorher nicht besprochen. Wer vorne fuhr, bestimmte, wo’s lang geht. Das ist mittlerweile in vielen Städten anders. In Stuttgart wird zum Beispiel die genaue Wegstrecke vorab veröffentlicht und die Polizei begleitet die Critical Mass unterwegs. Trotzdem müssen die Fahrradfahrer aber die meisten Kreuzungen noch selbst sichern. An der Euphorie, die in dem Ganzen steckt, ändert die Planung aber nichts.

Wie verboten es sich anfühlen muss, bei der Critical Mass dabei zu sein… Wahrscheinlich noch schöner als früher, wenn wir mitten auf der Straße fuhren. Oder vielleicht auch ein bisschen so, wie damals beim Sonntagsfahrverbot auf den leeren Autobahnen Fußball zu spielen. Gut, das kann ich nicht von mir behaupten, gemacht zu haben. Aber glaubt mir, hätte ich da schon gelebt, mich hätte keiner aufhalten können.

Apropos! So verboten ist das gar nicht, in der Mitte der Fahrbahn zu fahren. Wer sich nicht traut, mittig zu fahren, der liest bitte folgenden Artikel und weiß danach: es ist quasi vorgeschrieben. Die Jungs von Alle Macht den Rädern rechnen es vor.

Klar, wenn das jeder macht, wird das Verhältnis zwischen Auto- und Fahrradfahrern auch nicht unbedingt besser. Das bestätigt dann fast wieder das Klischee der „Fahrrad-Rowdies“. Und Spaß macht es auch nicht wirklich, wenn man von hupenden Autos auf dem Weg zur Arbeit begleitet wird – früher auf dem Schulweg haben wir das natürlich anders gesehen. Aber theoretisch dürfte man’s. Und wenn ihr nicht überholt werden möchtet, weil es euch einfach zu eng vorkommt, habt ihr auf jeden Fall das Recht, es deutlich zu zeigen, indem ihr mittig fahrt. Die Straße gehört eben auch euch.

Umfrage zur Fahrradfreundlichkeit in Städten

Wer jetzt auf den nächsten Critical Mass Termin wartet, der macht am besten in der Zwischenzeit schon mal bei der Umfrage zur Fahrradfreundlichkeit in deutschen Städten mit. Bei der Umfrage des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V.) könnt ihr sagen, was euch stört und erklären, welche Stellen für Radfahrer in eurer Stadt besonders gefährlich sind.

Was mir jetzt irgendwie noch fehlt, ist ein Gruß unter Fahrradfahrern. Ich grinse immer nur wild alle entgegenkommenden Fahrer an und wünschte, sie könnten Gedanken lesen. Denn mein Grinsen soll so etwas heißen wie „Cool, dass du auch Fahrrad fährst!“.


Credits „cross-way ( #cc )“ von Martin Fisch, Lizenz: CC BY-SA 2.0

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